Es sind Jugendliche auf Identitätssuche, die zu Terroristen werden

Die Anschläge in Paris haben uns alle entsetzt und schockiert. Die Angst vor solchen schrecklichen Gräueltaten haben die Diskussionen der vergangenen Tage und Wochen in den Medien, der Öffentlichkeit und in wahrscheinlich jedem Wohnzimmer beeinflusst. Viele Fragen sind noch offen und können womöglich nicht wirklich beantwortet werden.

Warum konnte es soweit kommen? Wie können wir uns vor Terror schützen? Was können wir tun, dass sich solche Taten nicht wiederholen? Wie können wir uns verteidigen? Verzichten wir auf unsere Freiheiten zu Gunsten der Sicherheit? Müssen wir Angst haben?

Dieser Tage wird im Bundestag über ein Mandat debattiert. Die Antwort auf Gräueltaten von Daesch, gemeint ist damit der selbsternannte „Islamische Staat”, soll militärisch erfolgen. Während sich die Debatten um das Für und Wider dieser Einsätze drehen, ist uns ein wichtiger Punkt abhandengekommen: Die Täter in Paris waren Franzosen. Junge Männer, die in Frankreich geboren und dort sozialisiert wurden.

Junge Menschen

Junge Menschen, die bereit sind ihr Leben für eine fundamentalistische Ideologie im Namen des Islams zu opfern und dabei das Ziel verfolgen, möglichst viele Menschen mit in den Tod zu nehmen. Diese jungen Menschen gibt es auch in Deutschland. Deshalb müssen auch wir uns mit dieser Frage beschäftigen: Was veranlasst junge Menschen dazu für die Dschihadistengruppe Daesch in einen Krieg zu ziehen, der weit weg von der Heimat stattfindet und für Werte steht, die nicht unseren demokratischen Prinzipien entsprechen?

Nach Ermittlungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz sind die Daesch-Anhänger in Deutschland zumeist hochgradig ideologisch motivierte junge Männer und Frauen, zwischen 21 und 25 Jahre alt. Sie sind in der Gesellschaft schlecht verankert und zu allem bereit. Einige von ihnen sind Konvertiten.

Die Beeinflussung der jungen Menschen erfolgt über Freunde, aber auch über das Internet. Viele von ihnen haben keinen Schul- oder Berufsabschluss, sie sind oft arbeitslos oder in geringqualifizierter Beschäftigung – kurz gesagt: jung, oft männlich, extremistisch! Es sind vor allem aber vorwiegend junge Männer auf der Suche nach Identität.

Sie werden von Salafisten oft in ihrer eigenen Sprache, also einer sehr niedrigschwelligen Jugendsprache, angesprochen; Religion wird ihnen als etwas Verbindendes und Sinnstiftendes vermittelt. Es kann Jahre dauern, bis sie zu Gewalttaten im Namen der Religion bereit sind – und das ist die Zeitspanne, die genutzt werden sollte, um Jugendliche zu erreichen und zu verhindern, dass sie sich radikalisieren.

Diese Gefahr müssen wir ernst nehmen und ihr mit den Mitteln des Rechtsstaates begegnen. Für einen Generalverdacht und Hysterie gegenüber muslimischen Jugendlichen oder jungen Menschen gibt es aber keinen Grund. Gute Bildung und Ausbildung für junge Menschen, Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und niedrigschwellige Hilfsangebote sind essentiell, um zu vermeiden, dass junge Menschen sich radikalisieren. Es sollten offene Aussprachen mit den Moscheen stattfinden, so dass auch dort Jugendlichen Angebote der Jugendhilfe gemacht werden können.

„Nicht in meinem Namen”

Aussteigerprojekte müssen ebenfalls finanziell und personell aufgestockt werden. Aber auch die Eltern müssen sensibilisiert und als Partner gewonnen werden. Hier setzt auch der Auftrag an die Muslime selbst in unserer Gesellschaft an. Solange die Täter im Namen des Islams agieren, sind Muslime mit in der Verantwortung sie davon abzubringen. „Nicht in meinem Namen” muss die Botschaft aller Muslime lauten.

Aber auch die Islamischen Verbände und ihre Geistlichen müssen sich dieser Verantwortung annehmen. Gerade junge Menschen, die auf der Suche nach Orientierung und einem Selbstwertgefühl sind, dürfen nicht der Beeinflussung von Fundamentalisten und Salafisten überlassen werden. Sie sollen Möglichkeiten erhalten sich in eine Gemeinschaft einzubringen und bei der Sinnsuche und der Suche nach einem Zugehörigkeitsgefühl unterstützt werden.

Hier sind Muslime auch deshalb besonders in der Pflicht, da nur sie selbst in der Lage sind einen aufgeschlossenen Islam in die Gemeinschaften hineinzutragen. Das bedeutet aber auch für einen aufgeklärten Islam einzustehen. Es sind die Moscheen und die Vorbeter, die eine theologische Alternative zur fundamentalistischen Auslegungen bieten müssen. Der gemäßigte Islam muss interessanter werden.

Er muss ebenso eine Vision, eine Idee und eine Perspektive vermitteln. In diesen Anschauungen müssen die Grundsätze der Menschenrechte und unserer Verfassung verteidigt werden. Die freiheitliche Grundordnung, die auch die Religionsfreiheit garantiert, lässt keine Alternative zu den gemeinsamen Werten unserer Verfassung zu.

Von Ekin Deligöz

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